Vernissage der Ausstellung von Igor Savtschenko und Mindaugas Simkus im Künstlerhaus Boswil

Ein doppeltes Spiel mit falschen Realitäten

Seit Anfang Februar sind der Belarusse Igor Savtschenko und der Litauer Mindaugas Simkus in den Ateliers des Künstlerhauses Boswil zu Gast. Zum Abschluss ihres Aufenthaltes präsentieren sie je eine Installation, welche die Betrachter zum Nachdenken anregt und Fragen hinterlässt.

(chh) Es ist Usus, dass die Gäste des Atelierhauses in Boswil zum Abschluss ihres Aufenthaltes eine Ausstellung durchführen. Da Savtschenko und Simkus ihre Zeit hier im Freiamt gleichzeitig verbracht haben, zeigen sie nun auch parallel ihr Abschlusswerk. Parallelen gibt es trotz ihrer Unterschiedlichkeit auch in der Arbeit, wie die Besucher an der Vernissage vom Dienstag feststellen konnten. Für beide Gäste steht hinter ihren Werken ein langer Denkprozess, und beide präsentieren nicht Werke im eigentlichen Sinn, sondern Installationen, die den Betrachter (respektive Leser und Zuhörer) auf eine Reise nach Innen schicken.

Damit hat es sich aber mit den Parallelen. Denn während Igor Savtschenkos zweiteilige Installation ein klares Konzept enthält, wirkt die Arbeit von Mindaugas Simkus eher wie eine zufällige Pflichtübung. Das kann aber durchaus Gründe haben. Während der Belarusse mit einer klaren Idee nach Boswil kam und die Zeit im Atelierhaus nutzte, um intensiv sein bisheriges Werk fortzusetzen, liess sich der Litauer eher treiben, begab sich auf die Suche nach Inspiration und neuen künstlerischen Ausdrucksformen.

Bilder als Mittel zum Zweck

Entstanden ist “My favourite TV-Program is National Geography”; im Kellertheater des Künstlerhauses konfrontiert er die Besucher mit einem rund 40-minüti-gen Video über die Löwen des Zürcher Zoos. Er gestaltet nichts, er hält nur fest, und der Betrachter wird Zeuge der verschiedenen Gefühlszustände der einst wilden Tiere, die nun mehr oder weniger trostlos vor sich hin vegetieren. Zusätzliche Distanz wird dadurch geschaffen, dass der Film tonlos gezeigt wird.

“Sieeping Lions” nennt Simkus die Installation im Untertitel, und unwillkürlich beginnt man sich zu fragen, ob der Künstler selber der schlafende Löwe ist, ob er wie diese Tiere über soviel Kraft und Energie verfügt, aber diese in den engen schweizerischen Verhältnissen nicht ausleben kann. Trotz des interessanten Ansatzes kann das Werk nicht überzeugen, zu sehr sieht es nach Pflicht aus, zuwenig setzt er sich zudem mit den Möglichkeiten des Mediums Video auseinander.

Eingriffe in die Realität

Igor Savtschenko hingegen setzt sich schon seit einigen Jahren mit dem Thema Zeit auseinander. In Boswil zeigt er nun seine zweiteilige Installation “Gegen Osten bewegt, aber nicht zu schnell”, die ein Einzelschicksal der Zeitgeschichte entgegensetzt, und die ganz fein mit den Möglichkeiten spielt, die Realität zu verändern. In der Alten Kirche wird “Der freie Abend des Otto Stoitz” präsentiert, zur Musik von Bruckner erhält der Besucher einen Text zum Lesen, durch welchen er einen kurzen Moment am Leben des Otto Stoitz, Offizier mittleren Ranges in der Ostabteilung des Generalstabes der Wehrmacht um 1939, teilhaben kann. Stoitz besucht ebenfalls ein Konzert Bruckners, und während er der Musik lauscht und über seine Arbeit nachdenkt, entdeckt er Parallelen, die ihn zu neuen Taten inspirieren. Dieser einen Variante stellt Savtschenko eine andere entgegen, durch den anderen Verlauf des Abends klingt beim Protagonisten zwar eine andere Seite an, doch Einfluss auf die Weltgeschichte hat dies nicht.

In der zweiten Arbeit, “Eine Chronik aus Deutschland”, welche in der Kapelle gezeigt wird, zeigt er Filme aus deutschen Wochenschallen von 1941, die den Überfall auf die Sowjetunion zum Thema haben. Wiederum erhält der Besucher dazu einen Text, der einerseits die Entstehung des Videos erklärt, andererseits Fragen antönt und sich mit der Hierarchie der Prioritäten von Wahrscheinlichkeiten be-fasst. So hat Savtschenko fehlende Teile der Filme am Computer simuliert und eingefügt und sogar gewisse Abläufe verändert, trotzdem blieben an gewissen Stellen Störungen enthalten. Dadurch entsteht ein Spiel mit den Realitäten und Wahrscheinlichkeiten, welches allerdings zu komplex ist, um hier geschildert zu werden.

Die Werke der beiden Künstler erfordern vom Besucher der Ausstellung eine grosse Bereitschaft, sich mit den Inhalten auseinanderzusetzen. Nicht das Werk als solches steht im Vordergrund, sondern die Ideen und Gedanken dahinter. Wer Lust auf eine solche Auseinandersetzung hat, dem bietet sich noch die Gelegenheit.

Die Ausstellung ist bis 11. Mai geöffnet.

 

Wohler Anzeiger, 30. April 1999

Wohlen, Switzerland