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Igor Savchenko, Belarus

Der belarussische Fotograf und Fotokünstler Igor SavcHenko ist im Rahmen der Partnerschaft Aargau-Belarus für einen vier-monatigen Aufenthalt in die Schweiz eingeladen worden. Savchenko, 1962 in Minsk geboren, studierte am Institut für Radiotechnik und arbeitete ab 1985 zuerst als Ingenieur. Seit 1989 ist Savchenko ausschliesslich als Fotokünstler tätig, 1990 nimmt er in Moskau erstmals an einer Gruppenausstellung teil (Byelorussian Avant-Garde Photography). Savchenko hat in der Zwischenzeit an unzähligen Ausstellungen in Belarus und im Ausland teilgenommen und zahlreiche Texte zu seiner Arbeitsmethode wie generell zu Aspekten des Mediums Fotografie geschrieben. Er ist eine der Hauptfiguren der zeitgenössischen Fotokunst in Belarus.

Savchenkos Interesse am Medium Fotografie datiert in die Schulzeit zurück, bereits als 12jähriger fängt er an, Landschaften und Naturerscheinungen zu fotografieren. Vermehrt setzt er sich mit der Fotografik als einer technischen Methode auseinander. Thematisch faszinieren Savchenko heute die Dimension Zeit und das Phänomen Gedächtnis, mit anderen Worten, Geschichte als vergangene und von jedem von uns anders erinnerte Zeit. Deshalb arbeitet er mit gefundenem Material, mit bereits existierenden Fotografien. Dabei konzentriert er sich auf die 1920er bis 1950er Jahre. "Diese Zeit ist nicht zu weit weg, um ihre Intimität zu verlieren, und nicht zu nahe, um eine subjektive Distanz zu ermöglichen", begründet Savchenko seine Fokussierung.

Auf der visuellen Ebene sind es alte Porträtfotografien und Gruppenaufnahmen, meist aus Familienalben, die das fotographische und ikonographische Ausgangsmaterial zur Verfügung stellen. Savchenko re-fotografiert und entwickelt die Fotos, verfremdet sie allenfalls mit einer Tönung. "Die Auswahl der Fotos ist ein Prozess, den ich nicht vollständig analysieren kann. Ich lese zwar ein Foto wie einen Text, aber die Art dieses Lesens ist nicht streng analytisch. Ich reagiere auf einen Eindruck, eine besondere Stimmung, etwas, das midi berührt, im Foto aber immer schon enthalten ist." Savchenko verändert nicht das Originalfoto, er redigiert es, wie einen Text, gibt dem Foto einen (subjektiven) Kontext. Manchmal wählt er nur ein Fragment und vergrössert es, manchmal trägt er nach der Arbeit im Labor noch Farbe direkt auf das Foto auf. Die re-fotografierten Porträts und Familienfotos werden zu einer Abfolge zusammengestellt, zu einer Art Geschichte. Das Geheimnisvolle, Unerwartete, das oft in einem ganz alltäglichen Foto auftauchen kann, fasziniert Savchenko und ist häufiges Auswahlkriterium. Dabei sind Kontext und Stimmung des Fotos wichtig, nicht formale Aspekte. So wählt Savchenko z.B. aus einem privaten Fotobestand diejenigen Fotos aus, bei denen, meist unscharf und unabsichtlich, Personen ins Bild "rutschen"; Personen also. die für den Fotografen ohne Bedeutung sind. Diese Bildausschnitte werden von Savchenko redigiert und zu einer Abfolge gruppiert. Dabei spielt die Komposition oder der Hell-Dunkel-Kontrast nicht das ausschlaggebende Moment.

In jüngster Zeit arbeitet der Künstler mit einer Kombination von Fotos und Texten, die er selber verfasst. So beschreibt er etwa in den Texten zu seinen Landschaftsfotografien Ereignisse, die nicht sichtbar sind. Das Foto scheint einen Moment davor oder einen Moment danach entstanden zu sein...

Mit Texten, mit dem Schreiben als kreativem Akt, damit setzt sich Savchenko auch in Bos-wil auseinander. Sein Interesse gilt zunehmend bewegten Bildern. Das Künstlerhaus bietet einen idealen Rahmen, um einige ältere Projekte abzuschliessen und neue Projekte zu entwickeln.

Petra Bischof, Art Program Manager

in “Boswil Aktuell”, Künstlehaus Boswil, Boswil, Switzerland

April 1999