Ein Blick, der nie ankommt, wo wir sind Ц zu den Fotos von Igor Savchenko

 

Von Joerg Albrecht

 

Igor Savchenko. A Picture Behind Him, Fotogalerie im Grazer Rathaus, Graz, Oesterreich, 16.Feb Ц 11.Mar.2011

 

 

Wenn ich mir vorstelle, in einem der Fotos zu stehen, einem dieser Geheimnisse von Igor Savchenko, fange ich sofort an, zu schwitzen. Ich kann gar nicht anders. Denn die Kamera und ich, wir zusammen, wir koennen nicht anders. Wir arbeiten zusammen, sobald sie sich auf mich richtet. Das zeigen diese Geheimnisse in Form von Fotos fuer mich: Dass jeder Versuch, sichtbar zu sein, immer schon ein harter Akt der Arbeit ist.

 

Und nicht nur das. Auch wenn wir uns gegenseitig aufeinander beziehen, zueinander in Beziehung setzen, einander beruehren, scheint mir das eine Form von Arbeit zu sein, die immer als etwas ganz anderes gilt, obwohl sie genau das ist: physical work.

 

Deshalb koennen die Fotos von Igor Savchenko niemals nostalgisch sein. Da kann sich die Farbgebung anstrengen, wie sie will, koennen die Kratzer und Schlieren, die welligen Begrenzungslinien den Betrachter auf diesen Irrweg fuehren wollen, aber: Alles, was ich sehe, ist das Gegenteil von Nostalgie. Eher: eine absolut jetzige Praesenz, als Anstrengung, in den Gesichtern, den angespannten Faeusten und der behandschuhten Hand, die heruebergreift, selbst in den Fingern, die sich um einen Hals legen, ohne daß man den Besitzer dieser Finger sieht.

 

Ihnen allen sieht man Arbeit an. Auch den Gegenstaenden [z.B. den Bildern im Bild]. Arbeit, die wir automatisch ausfuehren, wenn wir die Kamera vor uns sehen, weil wir wissen, dass sie etwas aus uns machen kann, da, wo wir sind, dass sie aus uns die machen kann, die wir sind. Und dann heisst es: hinnehmen oder sich dagegen wehren. Beides kostet Kraft, kostet Muehe, kostet uns uns. Einen Teil von uns. Denn der andere Teil wird nie sichtbar. Das Geheimnis der Fotos liegt fuer mich nicht so sehr in dem, was zu sehen ist, eher in dem, was nicht zu sehen ist. Darin, dass klar ist, dass ein Blick niemals ankommt, da, wo wir sind. Auch nicht im 21. Jahrhundert, wo Fotos meist weniger poetisch aussehen als in den zwei Jahrhunderten zuvor. Wir koennten also auch mal aufhoeren, uns anzustrengen, immer gesehen werden zu wollen, von der Kamera. Oder werden wir nie wieder runterkommen von dieser Droge namens Sichtbarkeit?